Willkommen an Bord

Das war knapp. Völlig übermüdet und außer Atem steige ich in den Zug, lasse mich auf den Sitz fallen und schließe erleichtert die Augen. „Wir begrüßen auch die später zugestiegenen Gäste im Konzertsaal ‚Johann Sebastian Bach'“, tönt es aus den Lautsprechern. „Unser Team hat nach der Mendelssohn-Ouvertüre gewechselt; mein Name ist Klaus Streicher, ich bin Ihr Konzertmeister und begleite Sie mit meinem Team bis zur Großen C-Dur-Sinfonie.“ Irritiert sehe ich mich um: Eine ältere Frau im Abendkleid hat ihren Platz noch immer nicht gefunden und blockiert den Gang; ein graumelierter Herr hilft einer zierlichen Studentin, einen Cellokoffer zu verstauen.

„Für Ihre Anschluss-Werke und die Satzbezeichnungen beachten Sie bitte auch das Faltblatt ,Ihr Programmheft', das an Ihrem Platz ausliegt. Meine Damen und Herren, aufgrund von Unregelmäßigkeiten im Konzertablauf haben wir leider eine Verspätung von zehn Minuten. Wir bemühen uns jedoch, die Verzögerung im Finalsatz wieder aufzuholen.“

Um mich herum schnalzen die Leute genervt mit der Zunge und murmeln „Typisch!“ Ein Kind singt vor sich hin und kleckert Joghurt auf einen fremden Smoking. Neben mir beißt Beethoven in ein hartgekochtes Ei. Ich möchte nach Hause.

„… auf unseren gastronomischen Service aufmerksam machen: Wie wäre es zum Beispiel mit einem Glas Sekt im Foyer? Im Parkett bedienen Sie unsere freundlichen Servicemitarbeiter auch gern mit Snacks und Getränken an ihrem Platz.“

Dann lässt mich ein Ruck aus einem Traum hochschrecken, in dem eine Klarinette eine wichtige Rolle spielte. Aus meinem Mundwinkel läuft Speichel. Die anderen Fahrgäste klatschen, der Lokführer verbeugt sich und schüttelt dem Zugbegleiter die Hand. „Sind wir schon da?“, frage ich verstört. Beethoven schaut auf mein Ticket: „Nein, aber Sie müssen hier umsteigen, Richtung Tschaikowski.“

Irgendetwas an seinem Lächeln gefällt mir nicht.